Search & Find

     
    advanced search  

      Aktuelles




      Besucher gesamt:

      25701

      Geschichte der Sießener Wallfahrt



      Zur Geschichte der Sießener Wallfahrt

       

      Die Anfänge der Sießener Wallfahrt zur „B. Maria Virgo Thaumaturga“ (heilige wundertätige Jungfrau Maria) reichen vielleicht bis ins Jahr 1437 zurück, als die Dietenheimer Gemeinde einen sogenannten Kreuzgang nach Sießen veranstaltete. Das war jedoch nichts Außergewöhnliches, da im Dietenheimer Urbar viele solcher Kreuzgänge verzeichnet sind. Vermutlich hat man einmal im Jahr zu jeder Kapelle der Gemeinde (an deren Patroziniumstag) eine Prozession durchgeführt. Und Sießen gehörte ja bis zum Jahr 1818 zur Dietenheimer Pfarrei.

      Größere Bedeutung hatte zunächst sicherlich die Wallfahrt nach dem vielleicht schon im 14. Jahrhundert abgegangenen Ort Wald in der Nähe von Weihungszell. Am Patroziniumstag der Walder Kapelle (St. Markus) pilgerten mehrere Gemeinden der näheren Umgebung dorthin. In einer Urkunde aus dem Jahr 1690 werden aufgeführt: Dietenheim, Regglisweiler, Illerrieden, Dorndorf, Hüttisheim, Holzheim, Burgrieden, Rot, Orsenhausen, Bußmannshausen, Walpertshofen, Schafhausen, Schwendi, Wain und Balzheim.

       

      Die Sießener Wallfahrt gewann im Jahr 1588 an Bedeutung, als der Dietenheimer Pfarrer Distelmayer angesichts der besonders in Hörenhausen wütenden Pest seiner Gemeinde die Abhaltung einer Wallfahrt nach Sießen empfahl. Das Volk „in den Walddörfern“ (in villis sylvaticis = in den Holzstöcken) habe bei dem „Mariae Gnaden Bildnis in vorfallenden Drangsalen und damals äußerst leidigen Pesten … mit vollem Vertrauen Hilfe gesucht und gefunden“. Als Erfolg der Wallfahrt notiert er: „Es wurde offenbar, daß von diesem Tag an während des ganzen Jahres niemand aus der genannten Gegend durch die Pest oder eine andere Krankheit zu Tode kam – Id quidem inde apparebat, quod ab illo … die per integrum anni Spatium nemo ex dicto pago nec peste nec alio morbo interierit.“

      Der Sießener Kirchenführer datiert die Distelmayersche Initiative (dort als Bristelmaier gelesen) in das 15. Jahrhundert, wozu auch das Dietenheimer Dokument Anlaß gibt, da dort der Bericht dem Jahr 1500 zugewiesen wird. Die im Dietenheimer Urbar wiedergegebene Darstellung des Priesters verweist jedoch eindeutig auf das Jahr 1588, was auch mit der Amtszeit Distelmayers übereinstimmt (vgl. Kächler S. 37.39). Insofern wäre es auch möglich, daß es sich bei den Prozessionen nach Sießen der Jahre 1437 und 1588 um ein und dieselbe Wallfahrt handelt, die aufgrund der Widersprüchlichkeit im Urbar in zwei Ereignisse aufgeteilt wurde. Der Ursprung der Sießener Wallfahrt jedenfalls geht sicher auf den Dietenheimer Pfarrer Cleophas Distelmayer zurück, wie das Dietenheimer Urbar ausdrücklich bemerkt: „Ursprung dises Creuzgang Meldet H: Cleophas Distelmayr in einem seiner hinderlassen Schreiben de A° 1500“.

      Trotz dieser Hochachtung der Sießener Kapelle war sie 30 Jahre später verfallen, eine Wallfahrt dorthin also nur schwer vorstellbar. Eine 1617 testamentarisch verfügte Stiftung des Dietenheimers Dr. Jakob Brenner, Stadthauptmann von Salzburg und Hofrat des Fürstbischofs von Freising, führte wegen des 30jährigen Krieges und seiner Folgen erst 1701 zur Grundsteinlegung des Neubaus der Kapelle.

      Als die Kirche 1709 schließlich eingeweiht wurde, erinnerte man sich aber offensichtlich wieder an die Wallfahrt, denn der ehemalige Pfarrer von Achstetten Anton Gedeon Reheis ließ sich daraufhin in Sießen als Wallfahrtspriester nieder. Die Walder Kapelle konnte spätestens seit 1729 keine Konkurrenz mehr für Sießen sein, da sie in jenem Jahr auf Anordnung des Konstanzer Ordinariats abgebrochen worden ist. Das Inventar (u.a. die Markusstatue) kam nach Sießen, ebenso ein Meßstipendium. Auch die Steine und anderes Baumaterial waren in der Anordnung für Sießen oder zu „anderem ehrwürdigem Gebrauch“ bestimmt worden. Sie wurden schließlich 1740 für die Erweiterung der Kirche in Burgrieden verwandt.

      Für Sießen folgte nun also eine Zeit der institutionalisierten Wallfahrt. Über Details der Wallfahrt, die uns heute interessieren würden, schweigen leider die Quellen – oder der Autor dieser Zeilen hat sie (nur noch) nicht gefunden. Die Dietenheimer Quellen, soweit überprüft, sprechen immer nur von der Kaplanei Sießen. Überliefert ist uns lediglich ein Andachtsbild mit dem „Gebet zu unserer lieben Frau von Sießen“ aus dem Jahr 1768 und eine Votivtafel.

      Der erste Wallfahrtspriester Reheis wurde in der Kirche begraben, nachdem er 1725 an den Folgen eines räuberischen Überfalls verstorben war. Es folgten bis 1812 14 weitere Wallfahrtspriester, die sich seit 1760 (Stiftung des Saulus Heß, der am Chorbogen verewigt ist) auch um die (religiöse) Bildung der Sießener im Rahmen der sog. Christenlehre kümmerten.

      Spätestens 1818 endete die Tradition der Sießener Wallfahrt, weil die Selbständigkeit der Pfarrgemeinde mit der von der Aufklärung diktierten (königlichen) Bedingung verknüpft wurde, die letzten Reste der Wallfahrt zu beseitigen. Leider mußte auch das Gandenbild unter den Folgen dieser Anordnung leiden, da die Nische, die man für die Unterbringung der Statue vorgesehen hatte, nicht groß genug war, um sie in voller Größe zu beherbergen. So wurde sie kurzerhand vom Gnaden- zum Brustbild degradiert.

      Anfänge, die Wallfahrt nach Sießen wiederzubeleben, gab es seit 1925 durch den Sießener Pfarrer Krämer (Einführung der Maiandachten) und seit Ende der 70er Jahre durch den Dietenheimer Pfarrer Schmid (Wallfahrten der Dietenheimer Gemeinde nach Sießen im Zweijahresrhythmus).

      Quellen und Literatur:

      Pfarrarchiv Dietenheim · Diözesanarchiv Rottenburg · Pfarrchroniken von Sießen im Wald · Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Donaukreis: Oberamt Laupheim, Eßlingen 1922 · Aufsatz von Pfarrer Krämer (1951) · Aufsatz von Oberlehrer Müller (1955) · Chronik der Gemeinde Sießen im Wald 1880–1977 (1993) · Harald Kächler, Dietenheim und Regglisweiler, Ulm 1994 · Kirchenführer Sießen im Wald (Konrad Verlag 1995)

      Dr. Anton Thanner